Wartungsfunktionen

Vz.Präs. Josef Böhr

Vz.Präs. Josef Böhr

Ehrenmitgliedschaften: Ferdinandea (Prag) zu Heidelberg

Geboren: 21.11.1862, Poratsch (nunmehr Pohradice, Bezirk Teplitz, Böhmen)
Gestorben: 14.03.1944, Warnsdorf (nunmehr Varnsdorf, Bezirk Tetschen, Böhmen)
Vizepräsident des tschechoslowakischen Senats, Abgeordneter der tschechoslowakische Nationalversammlung, Parteivorsitzender (Deutsche Christlichsoziale Volkspartei), Landtagsabgeordneter (Böhmen), Chefredakteur

Lebenslauf:

Böhr wurde in dem Dorf Poratsch in der Nähe des Poratscher Berges als Sohn eines Bauern geboren. Dieses Dorf (in der Nähe von Bilin) verfiel ab 1945 nach der Aussiedelung der Deutschen aus Böhmen. Nach Besuch des Jesuitengymnasium in Mariaschein (Stadt Graupen, Bezirk Teplitz, Böhmen; Bohosudov, Krupka, Teplice, Tschechien) und nach Ablegung der Matura in Leitmeritz (Litomerice) ergriff er 1888 die journalistische Laufbahn bei der von Ambros Opitz (Fd EM) gegründeten katholischen „Österreichischen Volkszeitung“ (nach 1918 nur „Volkszeitung“), die damals zweimal wöchentlich erschien. Dadurch geriet Böhr in Kontakt zur Christlichsozialen Bewegung, die durch Opitz in Nordböhmen organisiert wurde, und wurde dessen engster Mitarbeiter.

Infolge anderer Aktivitäten zog sich Opitz von der operativen Leitung der Zeitung auf die Stellung eines Herausgebers zurück, so daß Böhr die Chefredaktion übernahm. Nach dem Tod von Opitz im Jahr 1907 übernahm Böhr dessen Verlag und Zeitungen. Dem journalistischen Engagement folgte auch ein politisches. Er kandidierte 1908 für den böhmischen Landtag, wurde gewählt und gehörte diesem vom 15. September 1908 bis 1913 an. Aufgrund der nationalen Spannungen in Böhmen wurde danach kein Landtag mehr gewählt. Böhr zählte bereits in der Monarchie zu den führenden Persönlichkeiten der Christlichsozialen Partei Böhmens.

Nach der Entstehung der Tschechoslowakei gehörte 1919 Böhr neben dem Prager Weihbischof Wenzel Anton Frind (Fd) und den Prager Universitätsprofessoren Karl Hilgenreiner (Fd EM) sowie Robert Mayr-Harting (S-B EM) zu den Gründern der Deutschen Christlichsozialen Volkspartei der Tschechoslowakei, zu deren erstem Vorsitzenden er 1919 gewählt wurde. Diese Funktion bekleidete er bis 1927, sein diesbezüglicher Nachfolger war Hilgenreiner.

Böhr kandidierte 1920 bei den ersten Wahlen zum Abgeordnetenhaus der tschechoslowakischen Nationalversammlung für den Wahlkreis Böhmisch-Leipa/Junbunzlau (Ceská Lípa/Mladá Boleslav), wurde gewählt und gehörte ihm von 1920 bis 1925 an. Hier bekleidete er das Amt eines Fraktionsvorsitzenden. Bei den nächsten Wahlen im Jahr 1925 wurde er in den Senat gewählt, dem er dann bis 1935 angehörte. Von 1925 bis 1929 war er Vizepräsident des Senats.

Nach der Wahlniederlage der Christlichsozialen Volkspartei im Jahr 1935 infolge des Aufstiegs der Sudetendeutschen Partei unter Konrad Henlein bekleidete Böhr kein politisches Amt mehr. Sein gleichnamiger Sohn wurde 1924 zum Priester geweiht und war von 1941 bis zur Befreiung 1945 im KZ Dachau. Böhr selber starb vor Ende des Krieges und damit vor der Vertreibung der Sudetendeutschen aus Böhmen.

Böhr gehörte neben Karl Hilgenreiner (Fd EM), Eugen Graf Ledebur-Wicheln (S-B EM), Hans Lokscha (Nc), Robert Mayr-Harting (S-B EM), Fritz Öhlinger (AIn), Robert Schälzky (NdP EM) u. a. zur nicht unbedeutenden Riege der CVer, die politische Mandate (Minister, Abgeordnete, Senatoren, Parteivorsitzende) in der ersten tschechoslowakischen Republik bekleideten. Sie taten dies in der 1919 gegründeten Deutschen Christlichsozialen Volkspartei, die insgesamt einen kooperierenden Kurs gegenüber den Tschechen fuhr, der damals „aktivistisch“ (im Gegensatz zu nationalistisch) genannt wurde.

Böhr hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg Kontakt zum Prager CV und war auch Reichsobmann der Christlich-Deutschen Turnerschaft in der Tschechoslowakei. Im Jahr 1900 gründete Anton Frey (Fd) den ersten Christlich-Deutschen Turnerbund in der österreichischen Reichshälfte, 1901 erfolgte eine Gründung in Böhmen-Mähren.

Quellen und Literatur:

Academia 22 (1909/10), S. 437.
Reichspost, 18. 11. 1932, S. 5
Šebek, Jaroslav: Sudetendeutscher Katholizismus auf dem Kreuzweg. Politische Aktivitäten der sudetendeutschen Katholiken in der Ersten Tschechoslowakischen Republik in den 30er Jahren (= Kirche und Gesellschaft im Karpaten-Donauraum Bd. 2). Münster 2010, S. 22.
http://cs.wikipedia.org/wiki/Josef_Böhr