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LHStv. a.D. Gen.-Dir. i.R. Viktor Müllner

LHStv. a.D. Gen.-Dir. i.R. Viktor Müllner

Ehrenmitgliedschaften: Danubia

Geboren: 10.07.1902, Wien
Gestorben: 10.07.1988, Wien
Ehemals ÖCV, Landeshauptmannstellvertreter und Landtagsabgeordneter (Niederösterreich), Nationalratsabgeordneter, Mitglied des Bundesrates, geschäftsführender ÖVP-Landesparteiobmann und ÖAAB-Landesobmann (Niederösterreich), Vizebürgermeister (St. Pölten), Generaldirektor (NEWAG)
Politische Haft: 1938 Polizeihaft, 1938/39 KZ Dachau, 1939/40 KZ Flossenbürg, 1940–1942 KZ Dachau

Lebenslauf:

DIE ZEIT BIS 1945

Müllner absolvierte nach der Volks- und Bürgerschule in Wien die Lehrerbildungsanstalt und legte die Fachlehrerprüfung für Hauptschulen in Mathematik und Physik ab. 1927 zog er beruflich nach St. Pölten und engagierte sich in der christlichen Arbeiterbewegung sowie in deren Wehrformation, dem „Freiheitsbund“, und dann ab 1933 in der Vaterländischen Front. Aufgrund dessen wurde er 1934 zu einem der Vizebürgermeister von St. Pölten bestellt, welches Amt er bis zum Anschluß im März 1938 ausübte. Bürgermeister von St. Pölten war zu dieser Zeit Heinrich Raab (Nc), der Bruder des späteren Bundeskanzlers Julius Raab (Nc).

Aufgrund seiner Stellung im „Ständestaat“ wurde Müllner nach dem Anschluß verhaftet und aller seiner Stellungen enthoben. Am 24. Mai 1938 wurde er ins KZ Dachau überstellt und am 27. September 1939 ins KZ Flossenbürg verbracht, von wo er am 2. Mai 1940 wieder nach Dachau zurückkehrte. Am 19. Juni 1942 wurde er aus dem KZ Dachau entlassen. Dort bekam er u. a. engen Kontakt mit dem ebenfalls dort einsitzenden späteren Bundeskanzler Leopold Figl (Nc). Nach seiner Rückkehr lebte Müllner in Wien und schlug sich als Hilfsarbeiter, Versicherungsvertreter und Mitarbeiter einer Wach- und Schließgesellschaft durch. Ebenso knüpfte er Kontakte zur Widerstandsbewegung.

MÜLLNERS POLITISCHE LAUFBAHN

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Müllner als Hauptschullehrer rehabilitiert. Er engagierte sich sofort politisch in dem gerade gegründeten ÖAAB, dessen niederösterreichisches Landesobmann er bereits am 20. April 1945 („Führers Geburtstag“) wurde, als in Berlin noch gekämpft wurde. Diese Funktion bekleidete er bis zum 3. Oktober 1966. Sein Nachfolger in diesem Amt wurde Georg Prader jr. (Nc). Gleichzeitig war er auch Vorsitzender der Christlichen Gewerkschaften für Niederösterreich.

Aufgrund dieser parteipolitischen Stellung kandidierte Müllner für die ersten Wahlen zum Nationalrat, wurde gewählt und gehörte diesem vom 19. Dezember 1945 bis zum 18. März 1953 an. Vom 20. März 1953 bis zum 10. November 1954 war er Mitglied des Bundesrates.

Müllner strebte jedoch in die Landespolitik. Vom 5. Mai 1949 bis zum 18. Januar 1960 war er Landesrat und danach bis zum 24. Januar 1963 Landeshauptmannstellvertreter. In der Landesregierung leitete er das Finanzressort. Im November 1954 kandidierte er bei den Wahlen zum niederösterreichischen Landtag, wurde gewählt und gehörte diesemvom 10. November 1954 bis zum 3. November 1959 an. Vom 18. Juli 1965 an war er kurz bis zum 3. Oktober 1966 geschäftsführender ÖVP-Landesparteiobmann.

MÜLLNER UND DIE NEWAG SOWIE DIE NIOGAS

Nach Ende der sowjetischen Besatzung Niederösterreichs im Jahr 1955 gelang es Müllner in seiner Eigenschaft als Finanzreferent der Landesregierung, in einem Konflikt zwischen Bund und Niederösterreich die Kontrolle des Landes über die Stromversorgung und die Gasvorkommen zu sichern. So kam es in der Folge zur Gründung der Niederösterreichischen Elektrizitätswirtschafts AG (NEWAG) und der NIOGAS (heute beide zusammen EVN) jeweils im 100-prozentigen Besitz des Landes. Müllner wurde als Landesfinanzreferent Vorsitzender des Aufsichtsrates der NEWAG und NIOGAS.

Müllner wechselte Ende 1962 von der Landespolitik zur NEWAG und wurde zum Vorsitzenden des Vorstands (Generaldirektor) bestellt. Aus diesem Grund schied er dann Ende Januar 1963 aus der Landesregierung. Unter seiner Leitung wurden die Kamptalkraftwerke und vor allem die „Südstadt“ in Maria Enzersdorf gebaut, wo die Zentrale der NEWAG–NIOGAS hinzog. Für die damalige Zeit war dieses städtebauliche Vorhaben zweifelsohne beachtenswert.

DIE AFFÄRE MÜLLNER

Müllner baute sich Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre durch seine dominanten Funktionen in der niederösterreichischen Landesregierung, in der ÖVP bzw. im ÖAAB sowie in der NEWAG–NIOGAS eine einflußreiches Beziehungsgeflecht auf, das zweifelsohne von den beiden bedeutendsten niederösterreichischen ÖVP-Politikern Julius Raab und Leopold Figl gedeckt wurde, die Müllner („Vickerl“) schon aus der Zeit vor 1945 gut gekannt haben. In dieser Konstellation begann er, im Sinne einer Parteienfinanzierung Gelder des Landes und der NEWAG–NIOGAS in die Kassen der ÖVP bzw. des ÖAAB umzuleiten. Dabei spielte die kleine „Conti“-Bank, die im Besitz Müllners stand, eine wichtige Rolle.

Anfang 1966 wurden diese Vorgänge durch einen Rechnungshofbericht bekannt. Der öffentliche Druck auf Müllner und indirekt auch auf die ÖVP wurde Mitte des Jahres 1966 inzwischen so groß, daß er Anfang Oktober 1966 von seinen Parteifunktionen zurücktrat. Kurze Zeit später, am 24. Oktober, wurde er als Vorstandsvorsitzender (Generaldirektor) der NEWAG abberufen. Am 15. Dezember 1966 wurde er schließlich verhaftet, für viereinhalb Monate in Untersuchungshaft genommen und danach gegen Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Im Mai 1968 kam es dann zu einem 20 Tage dauernden Prozeß, wo Müllner wegen Amtsmißbrauchs und Untreue zu vier Jahren schweren Kerkers und 20 Millionen Schilling Schadenersatz verurteilt wurde. (Diese 20 Millionen entsprachen 350 Jahresgehälter eines Gymnasiallehrers am Anfang seiner Dienstzeit.) Wegen eines schweren Herzleidens mußte er die Haft nicht antreten, wurde jedoch auf das Existenzminimum gepfändet, um dadurch den Schadenersatz zu finanzieren. (Die vier Jahre Haft hätte er materiell gesehen durch seine KZ-Haft abgeleistet…) Am 28. Mai 1968 wurde er aus der ÖVP ausgeschlossen. Er kämpfte zeitlebens um seine Rehabilitierung, allerdings erfolglos. Allerdings erhielt er 1983 auf Beschluß der niederösterreichischen Landesregierung seine volle Lehrerpension.

Die „Affäre Müllner“ wurde erst nach dem Sieg der ÖVP bei den Nationalratswahlen am 6. März 1966 so richtig offenbar. Die dadurch entstandene politische wie öffentliche Diskussion, die rund zwei Jahre dauerte, schadete der gerade ins Amt geratenen ersten ÖVP-Alleinregierung unter Josef Klaus (Rd). U. a. war das eine der Ursachen für die folgenden Verluste der ÖVP bei den nächsten Landtagswahlen (ab Herbst 1967) und dann bei den Nationalratswahlen Anfang März 1970.

Die Person Müllners ist ambivalent und weist viele ähnliche Züge mit der mehr als zehn Jahre früheren Affäre um Peter Krauland (ehemals AW) auf. Einerseits hat er zweifelsohne in der Nazizeit infolge seiner mehr als vier Jahre dauernden Haft in Konzentrationslagern einiges mitmachen müssen. Auch engagierte er sich im Widerstand und hat nach 1945 als Finanzlandesrat in der schwierigen sowjetischen Zone Entscheidendes für den Wiederaufbau geleistet. Andererseits war er nicht imstande, die Grenze zur Kriminalität zu achten, an der er tragischerweise scheiterte.

Müllner, aufgrund seines politischen Engagements bereits vor 1945 mit zahlreichen CVern gut bekannt und befreundet, erhielt als aufstrebender Politiker bald nach dem Krieg die Ehrenmitgliedschaft der Danubia verliehen. Allerdings scheint das zuerst nicht glatt verlaufen zu sein. Die Danubia hatte diese Initiative bereits Anfang 1947 in die Wege geleitet, jedoch hatte im März 1947 der zuständige Altherrenlandesbund Wien die Verleihung einer Ehrenmitgliedschaft an ihn negativ beurteilt, was allerdings nur verzögernde Wirkung gehabt hat. Nach seiner Verhaftung im Dezember 1966 wurde er aus der Verbindung ausgeschlossen. Er lebte nach seiner Verurteilung zurückgezogen, starb an seinem 86. Geburtstag und wurde in Hinterbrühl (Niederösterreich) begraben.

Quellen und Literatur:

Biographisches Handbuch der österreichischen Parlamentarier 1918–1993. Hg. von der Parlamentsdirektion. Wien 1993, S. 397f.
„Die Presse“. 5. 2. 2010.
Bezemek, Ernst–Dippelreiter, Michael: Politische Eliten in Niederösterreich. Bei biografisches Handbuch 1921 bis zur Gegenwart (= Schriftenreihe des Forschungsinstituts für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek, Salzburg, Band 38). Wien 2011, S. 231.
http://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=MÜLLNER&firstname=Viktor