Lebenslauf:
HERKUNFT, AUSBILDUNG UND DIE JAHRE BIS 1938
Tschiggfrey wurde als Sohn eines Bergbauern sowie Tischlers geboren und besuchte nach der Volksschule das Franziskanergymnasium in Hall in Tirol, wo er 1925 die Matura abgelegt hat. Danach begann er das Studium an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck (Dr. iur. 1930), wo er der Leopoldina beitrat (Couleurname Dr. cer. Frosch).
Nach Beendigung des Studiums und der einjährigen Gerichtspraxis war Tschiggfrey bei einem Anwalt tätig. 1936 wechselte er zuerst zum Landesgewerbeverband Tirol, dessen Präsident der ehemalige Landesrat Ernst Fischer (AIn) war. Noch im selben Jahr wurde er leitender Sekretär des Landesgewerbeverbands Burgenland. Das war dort der oberste angestellte Funktionär. Die Landesgewerbeverbände waren im Bund der österreichischen Gewerbeverbände zusammengefaßt. Deren Präsident war der spätere Bundeskanzler Julius Raab (Nc). Die Gewerbeverbände waren eine der Vorläufer der nunmehrigen Wirtschaftskammern und ein wichtiger Teil des „berufsständischen Aufbaus“ des „Ständestaates“ bis 1938.
TSCHIGGFREY UND DIE NSDAP
Daher wundert es nicht, daß nach dem Anschluß Tschiggfrey am 16. März 1938 vom Dienst vorerst suspendiert und am 18. Mai mit Wirkung zum 30. September 1938 gekündigt wurde. Im Mai wurde er jedoch zur Dienstleistung in einer untergeordneten Position wieder einberufen. Es wurde ihm dann ein untergeordneter Posten im Landesgewerbeverband Niederösterreich in Aussicht gestellt, wenn er einen Aufnahmeantrag in die NSDAP stellt. Das tat er von seinem Wohnort Mattersburg aus am 11. Oktober 1938, womit er ab da als Parteianwärter galt und Mitgliedbeiträge zahlte.
Am 15. Oktober 1938 wurde das Land Burgenland aufgelöst. Nord- und Mttel-Burgenland wurden Niederösterreich zugeschlagen (ab 1. Mai 1939 Reichsgau Niederdonau), der Süden der Steiermark. Den in Aussicht gestellten Posten beim Gewerbeverband Niederösterreich mit Sitz in Wien übte Tschiggfrey von Oktober 1938 bis Januar 1939 aus, dann kehrte er in den Tiroler Gewerbebund zurück. Ab da differieren seine Angaben bezüglich seiner NSDAP Mitgliedschaft mit den vorhandenen Quellen.
Nach diesen, der 2026 online zugänglichen NSDAP Mitgliederkartei (US-National Archives), wurde seinem Aufnahmeantrag mit Wirkung zum 1. Januar 1940 stattgegeben (Mitgliedsnummer 7,895.243). Doch gab es offenbar von seiner nunmehrigen Parteimitgliedschaft keine Kenntnis im Gau Tirol. Die Untersuchung von Michael Wladika (siehe unten Literaturverzeichnis) erwähnt zwar seinen Aufnahmeantrag, stellt aber fest, daß es in österreichischen Archiven zu ihm weder einen Gau-Akt noch Entnazifizierungsunterlagen gibt. Dort war nur sein Parteiantrag bekannt. Er wurde daher zu den am 25. November 1945 ersten Nationalratswahlen nach dem Krieg zugelassen, weil er im März 1938 seines Dienstes enthoben wurde.
Tschiggfrey füllte aufgrund des Nationalsozialistengesetzes 1945 am 6. April 1946 das Meldeblatt zur Registrierung der NSDAP-Mitglieder aus. Dort gab er seine Parteianwärterschaft an, nicht jedoch eine NSDAP-Mitgliedschaft. Aufgrund seiner Anwärterschaft wurde er in der Tiroler NSDAP-Registrierungsliste geführt. Er stellte am 4. März 1947 an die Tiroler Landesregierung den Antrag auf Streichung aus dieser Liste, wobei er angeführt hat, daß er weder einen positiven noch negativen Bescheid bezüglich seines Parteiaufnahmeantrags erhalten habe. Außerdem habe er sich ab 1942/43 in der Widerstandsbewegung seines Geburtsortes Nauders betätigt. Diesem Antrag wurde am 27. März 1947 stattgegeben.
Nach der vorhandenen Aktenlage ist unbestritten, daß Tschiggfrey einen Aufnahmeantrag an die NSDAP gestellt hat und er als solcher auch geführt wurde. Nach der NSDAP-Mitgliederdatei wurde er zwar aufgenommen, jedoch gibt es zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft keine Hinweise in Tiroler Archiven, und er hat 1947 erklärt, über eine Aufnahme weder positiv noch negativ informiert worden zu sein.
POLITISCHE LAUFBAHN NACH 1945
Nach dem Krieg wurde Tschiggfrey 1946 Leiter des Tiroler Landeswirtschaftsamtes und hatte damit eine wichtige Position für die Bewältigung der täglichen Ernährungsprobleme inne. Das bewog Landeshauptmann Alfons Weißgatterer (AIn), ihn in die Landesregierung zu holen, Am 25. Oktober 1949 wurde Tschiggfrey zum Landesrat Tirols gewählt, welche Funktion er zwei Gesetzgebungsperioden bekleidet hatte. Er leitete das Finanzreferat, welches er auch als Landeshauptmann behielt.
Als Landeshauptmann Alois Grauß nicht mehr für dieses Amt kandidierte, favorisierten dieser und Eduard Wallnöfer (Le EM) – beide Exponenten des Bauernbundes – Tschiggfrey als Nachfolger, obwohl er aufgrund seiner Funktion als Leiter des Landeswirtschaftsamtes bzw. Beamter eher dem Wirtschafsbund bzw. dem ÖAAB zuzuordnen gewesen wäre.
Tschiggfrey wurde daher am 12. November 1957 zum Landeshauptmann Tirols gewählt, welches Amt er bis zu seinem Tod ausgeübt hat. Bereits 1953 wurde er in den Tiroler Landtag gewählt, dem er dann vom 24. November 1953 bis ebenfalls zu seinem Tod angehört hatte. Am 4. März 1962 wurde er nach dem Rücktritt von Aloys Oberhammer (AIn) und einer kurzen geschäftsführenden Obmannschaft durch Eduard Wallnöfer (Le EM) auch zum ÖVP-Landesobmann gewählt, welche Funktion er ebenso bis zu seinem Tod bekleidet hatte. Allerdings war er in der Partei nie sonderlich verankert. Nach dem Rücktritt Oberhammers als Landesrat im Jahr 1961 übernahm er zusätzlich dessen Südtirolreferat. Wie dieser wurde auch er 1958 von Italien mit einem Einreiseverbot belegt.
In Tschiggfreys Amtszeit fielen die beiden Jubeljahre 1959 (150 Jahre Tiroler Freiheitskampf) und 1963 (600 Jahre Tirol bei Österreich), die in würdiger Weise begangen wurden. Als „Landesfinanzminister“ erstellte er insgesamt dreizehn Landebudgets. Als Landeshauptmann förderte er die Landwirtschaft, den Fremdenverkehr, den Wohnbau und den Ausbau des Straßennetzes. In seine Amtszeit fielen auch die schwierigen Jahre des Kampfes um die Rechte der Südtiroler.
„Tschiggfrey wird als äußerst gewissenhafter, fallweise impulsiver, aber durchaus leutseliger Landeshauptmann geschildert“ und „verkörperte den Typ des sparsamen Beamten […] und integren katholisch Konservativen ohne größeres Charisma. Er repräsentierte einen unreflektierten Pragmatismus, in dem die Einheit von katholischer Kirche und Partei ihren Ausdruck fand.“ Er „diente als peinlich genauer Administrator seinem Land, ohne eine große Vision zu entwickeln, was mit der in Tirol bäuerlich geprägten Gesellschaft einst zu geschehen habe.“ (Michael Gehler)
Tschiggfrey war ohne Zweifel ein engagierter Landeshauptmann, der sich in seinem Amt nicht schonte und offenbar daran zugrundeging. Ende Juni 1963 starb er unerwartet infolge arbeitsbedingter Überanstrengung als noch nicht 60-Jähriger. Er hätte – auch nach damaliger Lebensstatistik – noch einige Jahre länger im Amt bleiben können – allerdings zu Lasten der nachfolgenden „Ära Wallnöfer“.
Tschiggfrey war auch Ehrenphilister der MKV-Verbindungen Nibelungia Hall, Rhaeto-Romania Landeck und Teutonia Innsbruck. In Innsbruck und in seinem Geburtsort Nauders sind Straßen nach ihm benannt.
Quellen und Literatur:
Schober, Richard: Geschichte des Tiroler Landtages im 19. und 20. Jahrhundert. Mit einem Beitrag von Eberhard Lang. Innsbruck 1984, 542f.Gehler, Michael: Die Volkspartei in Tirol 1945 – 1994, in: Volkspartei – Anspruch und Realität. Zur Geschichte der ÖVP seit 1945 (= Schriftenreihe des Forschungsinstituts für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek, Salzburg, Band 2). Hg. von Robert Kriechbaumer (R-J) und Franz Schausberger (Rp). Wien 1995, 660f. (hier Zitat), 668f. und 685f.
Biographisches Handbuch des Tiroler Landtages und der Tiroler Landesregierung 1945–2007. Hg. von Thomas Hofbauer. Innsbruck 2006, 135f.
Wladika, Michael: Zur Repräsentanz von Politikern und Mandataren mit NS-Vergangenheit in der Österreichischen Volkspartei 1945–1980. Eine gruppenbiographische Untersuchung. Forschungsprojekt im Auftrag des Karl von Vogelsang-Instituts. Wien 2018, 183.
NSDAP-Datenbank: Wer war Mitglied in der Nazi-Partei? – SZ.de (Abruf 18. 10. 2026).
Mitteilung Christoph Haidacher (Le), ehemals Direktor des Tiroler Landesarchivs, vom 29. Oktober 2026, unter Beilage von mehreren Aktenstücken betr. Tschiggfrey.