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Franz Matscher

Franz Matscher

Urverbindung: Carolina (06.10.1947)

Bandverbindungen: R-J

Geboren: 19.01.1928, Meran (Südtirol)
Gestorben: 18.02.2021, Wien
Universitätsprofessor (Zivilgerichtliches Verfahren), Mitglied des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR), Diplomat

Lebenslauf:

Matscher wuchs in Meran-Obermais im damals faschistischen Italien auf und mußte dort die italienische Volksschule besuchen. Nachmittags war er aber in einer deutschen „Katakombenschule“. Ab 1938 ging er in Bozen auf das Franziskanergymnasium. Seine Familie wanderte jedoch im Zuge der sog. „Option“ (eine Vereinbarung zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und dem faschistischen Italien) nach Graz aus, wo er 1946 maturierte.

Im Anschluß daran begann Matscher das Studium an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz (1951 Dr. iur.), wo er der Carolina beitrat (Couleurname Rufus). Danach ging er zum juristischen Weiterstudium nach Paris (1953 Docteur en droit). Nach der Gerichtspraxis in Graz trat er 1953 in den Dienst des Bundeskanzleramtes/Auswärtige Angelegenheiten. Er gehörte zu einer kleinen Gruppe von Carolinen, die damals den Berufsweg eines Diplomaten einschlugen, wie Simon Koller (Cl) und Norbert Linhart (Cl).

Zuerst war Matscher in der Zentrale in Wien (Rechtsabteilung, Politische Abteilung) und dort im Mai 1955 an den Endverhandlungen um den österreichischen Staatsvertrag beteiligt, und zwar bei der Endfassung der Südtirol betreffenden Textpassage, womit er zu einem Experten für die Südtirol-Materie wurde. Desgleichen war er als Dolmetscher für Französisch für den damaligen Außenminister Leopold Figl (Nc) eingesetzt. Er war bei der Unterzeichnung des Staatsvertrages im Schloß Belvedere anwesend und schlußendlich der letzte Lebende, der an dieser Zeremonie teilgenommen hatte.

1956 wurde Matscher der österreichischen Botschaft in Madrid zugeteilt, nachdem in diesem Jahr Österreich mit Spanien diplomatische Beziehungen aufnehmen konnte, was die sowjetische Besatzungsmacht bis zum Schluß verhinderte. Es folgten dann Stationen an den österreichischen Vertretungsbehörden in Paris und Bonn. Aufgrund seiner Südtirol-Expertise wurde er 1966 zum österreichischen Generalkonsul in Mailand bestellt und war als solcher auch für Südtirol zuständig. Dadurch war er in die damaligen Südtirol-Verhandlungen unter Außenminister Kurt Waldheim (Wl EM) maßgeblich involviert. Dank seines Vertrauensverhältnisses zu den maßgeblichen Südtiroler Politikern und des Ansehens, daß er sich Südtirol erworben hatte, hat er zum Abschluß der Südtirol-Verhandlungen nicht unwesentlich beigetragen.

Matscher blieb jedoch nicht im diplomatischen Dienst, wo er sicherlich Karriere gemacht hätte, sondern schlug in den sechziger Jahren eine wissenschaftliche Laufbahn ein. Er habilitierte sich 1966 an der Universität Innsbruck für Österreichisches Zivilgerichtsverfahrensrecht und wurde 1969 zum ordentlichen Universitätsprofessor für Zivilgerichtliches Verfahren an die damals junge Universität Salzburg berufen, wo er das Institut für Zivilgerichtliches Verfahren und Prozeßrechtsvergleichung leitete. Dadurch schied er 1970 aus dem diplomatischen Dienst, war aber danach noch bis 1976 in allen Südtirol-Angelegenheiten für das Außenministerium und die Tiroler Landesregierung beratend tätig. Im Studienjahr 1971/72 war er Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät und im Studienjahr 1974/75 Rektor der Universität Salzburg, in welcher Funktion er stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Rektorenkonferenz war. 1996 wurde er emeritiert.

Matscher befaßte sich über sein unmittelbares Fachgebiet hinaus auch mit Fragen der Rechtsvergleichung, der Schiedsgerichtsbarkeit, dem Internationalen Privatrecht sowie des Minderheiten- und Menschrechtsschutzes, zu denen er über 200 Veröffentlichungen herausgab. Aus diesem Grund sowie aufgrund seiner Sprachkenntnisse und diplomatischen Erfahrungen wurde er 1977 als Nachfolger von Alfred Verdross (Verdroß-Droßberg) zum Richter des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg gewählt. Jeder Mitgliedstaat der entsprechenden Konvention hat das Recht, einen Richter vorzuschlagen. 1987 und 1995 wurde er wiedergewählt, trat aber 1998 von dieser Funktion zurück.

Darüber hinaus hat er nach 1990 im Auftrag der Parlamentarischen Versammlung des Europarates mehrere Missionen nach Slowenien, Kroatien und die Tschechische Republik im Hinblick auf deren Aufnahme in den Europarat geleitet. Ebenfalls seit 1990 war er führendes Mitglied der der Kommission „Demokratie durch Recht“ des Europarates, leitete dort verschiedene Arbeitsgruppen und war zeitweise deren Vizepräsident.

Ab 1980 war Matscher auch Schiedsrichter bei der Wirtschaftskammer Österreich sowie bei der Internationalen Handelskammer in Paris. Von 1987 bis 2003 war er Direktor des neu gegründeten Österreichischen Instituts für Menschenrechte in Salzburg, des einzigen in dieser Art im deutschen Sprachraum, das durch jährliche Symposien und Veröffenlichungen hervortritt. Von 2001 bis 2006 war er Rechtsschutzbeauftragter im Bundesministerium für Inneres. Ebenso war er ab 1991 Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.



Werke:

(Auswahl)
Zuständigkeitsvereinbarungen im österreichischen und internationalen Zivilprozeßrecht (1967)
Der Schutz der Menschenrechte in Europa (1999)
Völkerrecht und die Dynamik der Menschenrechte (2012)

Quellen und Literatur:

Aktenbestand der Ehrenzeichenkanzlei der Österreichischen Präsidentschaftskanzlei (Kabinettsdirektor i. R. Heinz Hafner Am, Mitteilung 22. 2. 2021).
https://www.oeaw.ac.at/fileadmin/mitglieder/cv/Matscher_Kurzbiographie.pdf
Rechtsschutz gestern – heute – morgen. Festgabe zum 80. Geburtstag von Rudolf Machacek und Franz Matscher. Hg. von Armin Bammer, Gerhart Holzinger (R-J) u. a. Wien 2008.