Kritik an einseitiger Einordnung historischer Persönlichkeiten

Kritik an einseitiger Einordnung historischer Persönlichkeiten

Österreichischer Cartellverband
Österreichischer Cartellverband
03.02.2026
ÖCV.Net Redaktion
Artikel


Am 29. Jänner wurde die Bronzefigur von Wiens historischem Bürgermeister Dr. Karl Lueger (Nc) abgetragen. Das Standbild soll zunächst gereinigt, danach im Zuge einer historischen Kontextualisierung in Schieflage wieder aufgestellt werden. Cartellbruder Jan Ledóchowski (SO), Präsident des Vereins Plattform Christdemokratie, verlangt nun von der Wiener Stadtregierung, dass historische Persönlichkeiten gerade auch aus dem sozialdemokratischen Spektrum im öffentlichen Raum ebenso kritisch eingeordnet werden sollen.

Die jahrelange Debatte rund um das Lueger-Denkmal zeigt, wie wichtig ein ehrlicher Umgang mit Geschichte ist. Es ist richtig, problematische Seiten historischer Persönlichkeiten sichtbar zu machen. Gleichzeitig darf dieser Zugang nicht einseitig sein. „Wenn Denkmäler erklärt und eingeordnet werden, dann muss das für alle gelten – nicht nur für einzelne Figuren“, so Ledóchowski.

Auch bei Dr. Karl Renner (SDAP/SPÖ), der den „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland unterstützte und antisemitische Aussagen tätigte, und Dr. Julius Tandler (SDAP), der öffentlich über die Vernichtung und Sterilisierung von sogenanntem „lebensunwertem Leben“ sprach, dürfen diese Haltungen nicht weiter verschwiegen werden.

„Wer bei der Erinnerungskultur mit zweierlei Maß misst, verliert jede Glaubwürdigkeit. Außerdem sollten wir große Männer und Frauen der Vergangenheit nicht aus populistischen Gründen vom Sockel stoßen, sondern ihre Fehler zum Anlass nehmen, kritisch zu hinterfragen, wo wir heute irren.“ Laut Ledóchowski hätten die Menschen ein Recht darauf zu wissen, wofür historische Persönlichkeiten standen – „auch dort, wo ihre Ansichten heute klar abzulehnen sind.“

„Lueger war – wie man heute oft unreflektiert sagen würde – ein Populist“, erklärt dazu ÖCV-Historiker Dr. Gerhard Hartmann (Baj). „Sein Antisemitismus hatte in erster Linie eine ökonomisch-populistische Grundlage. Für die Gewinnung der kleinbürgerlichen Schichten war diese politische Facette attraktiv“, analysiert der Historiker die anstößige Haltung des ehemaligen Bürgermeisters der damals fünftgrößten Stadt der Welt, in dessen Amtszeit auch die Entwicklung Wiens zu einer modernen Großstadt erfolgte.

Eine umfassende historische Einordnung des ÖCVers Dr. Karl Lueger und seiner politischen Positionen sind im biografischen Artikel des ÖCV-BioLex von Dr. Hartmann zu lesen.

Bild: Jan Ledóchowski (SO) und Caroline Hungerländer
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